Hexer und Heiler

Der Glaube an die Existenz von Hexe(r)n hat bis zum Anfang des 20. Jahrhundert überlebt. Im Heimatjahrbuch für den Kreis Daun (2009) wird davon berichtet, dass es im Ort Lierstal bei Ulmen das „Hexermänntje“ (Hexer) gab. Er konnte Mensch oder Tier nur durch seine mentale Stärke Schaden zufügen.
In dem Jahrbuchtext wird von einer Bauernfamilie erzählt, die Anfang des letzten Jahrhunderts für ihre kleine Landwirtschaft ein Arbeitspferd für den Ackerbau besitzt . Als das Pferd plötzlich immer wieder ohne ersichtlichen Grund lahmt, beginnt der Bauer, nach Zusammenhängen zu suchen. Er bemerkt, dass das Tier stets lahmt, wenn eine bestimmte Person zuvor im Stall war. Durch das Gespräch mit älteren Dorfbewohnern erfährt er, dass diese Person über übersinnliche Kräfte verfügt. Obwohl solche Informationen nicht offen ausgesprochen werden, bestätigen sie seinen Verdacht. Ein anderer Dorfbewohner berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Schließlich erkennt der Bauer, dass das Zugpferd möglicherweise Opfer von Manipulation durch diese mysteriöse Person ist. In einem ähnlichen Fall, lässt man einen „Sähner“ (Segner oder Heiler) die Angelegenheit begutachten. Doch der Gegenspieler des „Hexermänntjes“ hat nicht die Kraft, diesen Schaden auch wieder rückgängig zu machen. Also wendet man sich an den Pfarrer des Ortes. Dieser segnet das Pferd und den gesamten Stall mit Weihwasser und betet für das Tier. Als er sich verabschiedet, verspricht er, für die Heilung des Pferdes weiter zu beten. Als man am gleichen Tag kurz vor dem Zubettgehen noch einmal nach meinen Tieren im Stall schaut, ist das Pferd wieder genesen und am nächsten Tag voll arbeitsfähig. Der Spuk ist damit beendet und die Bauersleute und seine Tiere werden seither nie wieder von Verwünschungen heimgesucht [2]

Bis heute findet man hier und da weitere Beispiele von Gesundbetern, die alte magische Rituale aus vorchristlicher Zeit lebendig halten. In einem anderen Text habe ich dafür ein schönes Beispiel gefunden:

Des Abends, während der Fütterung der Tiere, kam der Gesundbeter in den Stall des Bauern. Hier stand eine Kuh, die aufgrund einer Verletzung mit einem Hinterbein nicht mehr auftreten konnte. Als junger Bursche, vorwitzig wie er war, wollte er wissen, was da vorging. Also stellte er sich hinter die Tür zwischen Stall und Scheune und lauschte.

Der Gesundbeter betatschte die kranke Kuh und fing dann an zu beten: „Als Petrus nach Rom reiste, da stieß sein Rind an einen Stein und brach sich dabei das Bein ……. Bis hierher hatte er zugehört. Dann wurde ihm die Sache doch zu unheimlich; mit diesen Sachen wollte er nichts zu tun haben; er ist weggelaufen. Am anderen Tag konnte die Kuh wieder normal auf ihren Beinen stehen; nach einer Woche konnte sie wieder auf die Weide getrieben werden.“ [3]

Der Textanfang erinnert an einen der überlieferten Merseburger Zaubersprüche aus der frühchristlichen Zeit. Der Anfang des alten Heilzaubers klingt da so ähnlich. Phol und Wotan ritten in das Gehölz.
Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt. …

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.
Phol und Wotan ritten in das Gehölz.
Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester von Sunna,
da besprach ihn Frija, die Schwester von Folla,
da besprach ihn Wotan, der es wohl verstand:
Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung,
so Gliederverrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!

Ich will hierzu etwas Erläuterung geben. Erzählt wird, wie die germanischen Götter Phol und Wotan in einen Wald ritten, in dem sich das Fohlen ihres Götterkollegen Balder den Fuß vertreten hat. Germanische Göttinnen, darunter die Göttermutter Freya, kommen dazu und besprechen den Fuß mittels eines sogenannten Heilzaubers. Leider ist der Rest des Spruches des Eifler Heilers, des „Sähners“, des Segners, nicht überliefert, weil der Zeuge des Heilzaubers weggelaufen ist, erzählt der Gewährsmann. In der Geschichte aus der Eifel hat Gottes Torwächter Petrus die Stelle der germanischen Götter eingenommen, und Baldurs Fohlen hat die Plätze getauscht mit dem Rind des Apostels.

Solche Übernahmen von ursprünglich heidnischen Zaubersprüchen in die christlichen Segensformeln kennt man in der Germanistik. Das berühmteste Beispiel eines solchen Vorgangs, in dem vermutlich der Name einer heidnischen Gottheit durch die Gottesmutter Maria ausgetauscht wurde, ist der Lorscher Bienensegen. Ich habe in meinem Imkermagazin dazu mal einen kleinen Aufsatz geschrieben. [4]

Quellen:
[1] Ernst Retterath, Lirstal, Von Hexern und Heilern in der Eifel in: Heimatjahrbuch Kreis Daun 2009 online
[2] Helmut Pauly, Kradenbach, Die erlahmte Kuh in: Heimatjahrbuch Landkeris Daun 2009 online
[3] Zeiter Merseburger Zauberspruch, zitiert nach Wikipedia
[4] Jesus, die Bienensind draußen in: Imkermagazin.com
Bild: Pixabaylizenz

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